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Inhaltsbereich: Stellungnahme von Lisa Muhr, GF Göttin des Glücks zum ORF Weltjournal vom 11.1.2012

Stellungnahme von Lisa Muhr, GF Göttin des Glücks zum ORF Weltjournal vom 11.1.2012

13.Januar 2012

Ich habe gestern mit Ärger und Traurigkeit den Bericht des Weltjournals zum Fairen Handel gesehen. Es wurde schlecht und einseitig recherchiert und viele Teilaspekte, die gebracht wurden, in einen völlig missverständlichen und unzusammenhängenden Kontext gebracht. Die angedeuteten Vorwürfe im Bericht werden von Hartwig Kirner, GF von FAIRTRADE Österreich, in seiner Entgegnung ausreichend und klar widerlegt – nur ein Gedanke meinerseits dazu: Wenn eine Cafebäurin in Nicaragua sagt, dass sie gerne das Doppelte verdienen würde, um besseres Essen für ihre Familie zu kaufen, frage ich: Wieviele Menschen in Österreich sagen das Gleiche, weil sie sich das heutige Leben nicht mehr leisten können? Diese Aussage in einen Kontext zu FAIRTRADE zu stellen, ist unzulässig!

Wir haben in unserer heutigen Zeit ein globales Problem von Verteilungsungerechtigkeit, weil die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Ursachen dafür sind der gedankenlose Massenkonsum unserer heutigen Wegwerfgesellschaft in einem längst aus dem Ruder geratenen, kapitalistischen Wirtschaftssystem (fiktives Kapital versus Realkapital, Börsenspekulationen auf Lebensmittel und Rohstoffe, Gewinn- und Wachstumszwang udgl.). Der FAIRE Handel versucht, in diesem System eine wirksame Verbesserung zu erreichen, kann jedoch das Grundproblem der globalen Zusammenhänge nicht alleine verändern! Hier bräuchte es Gesetzesänderungen in den Ländern der ersten Welt wie zum Beispiel Importbeschränkungen, höhere Zölle/Steuern für sozial und ökologisch bedenkliche Ware, Belohnungsysteme für sozial und ökologisch „saubere“ Ware, Beschränkungen am Finanzmarkt  uvm.

Wir gehen als Göttin des Glücks (GDG) seit 5 Jahren mit Herz, Seele und vollster Überzeugung von FAIRTRADE einen alternativen Weg in der Textilbranche und haben Pionierarbeit geleistet, indem wir ausschließlich FAIRTRADE zertifizierte Biobaumwolle verarbeiten und jeder einzelne Betrieb in unserer gesamten Kette nach fairen Kriterien – sowohl im sozialen als auch im ökologischen Bereich – arbeitet. Ich habe mit eigenen Augen in jedem einzelnen unserer FAIRTRADE Betriebe in Indien und auf Mauritius genau das Gegenteil von dem festgestellt, was im Bericht des ORF gebracht wurde – hier nur EINIGE Beispiele von vielen:

Ich habe „unsere“ Biobaumwollbauern/bäurinnen in Madyha Pradesh (Zentralindien), die die Biobaumwolle für GDG anbauen, gefragt, was sie von FAIRTRADE haben. Hier ihre Antworten:

1.Sie konnten sich mit der FAIRTRADE PRÄMIE einen Brunnen im Dorf bauen, der ihnen Zugang zu Wasser verschafft, das sie vorher von weit her holen mussten.
2.Die FAIRTRADE Genossenschaft Mahima Group in Madyha Pradesh ist die Sammelstelle in der Region, die den Bauern/bäurinnen die Biobaumwolle abkauft. Diese Genossenschaft hat eine SCHULE (plus Kindergarten) gebaut, wo die Kinder der Bauern/bäurinnen zwischen 2,5 und 14 Jahren Bildung erhalten, die sie sonst nicht hätten (weil die nächstgelegene Schule 40km entfernt ist). Jedes einzelne Kind wird aus den umliegenden Dörfern mit einem Schulbus abgeholt und wieder nach Hause gebracht.
3.Sie können mit den FAIRTRADE VORAUSZAHLUNGEN (fällig bei Auftragserteilung, also ca. 1 Jahr vor der Ernte) die Ernte vorfinanzieren (Samenmaterial, sonstige Ausgaben wie Samen für Mischkultur udgl.), für die sie sonst Schulden und bis zu 30% Zinsen bei Geldverleihern machen müssten
4.Sie können sich auf ihre AuftraggeberInnen (AbnehmerInnen) verlassen und müssen nicht Angst haben, dass sie von einer Saison auf die andere die Aufträge und KundInnen verlieren (= LANGFRISTIGE HANDELSPARTNERSCHAFTEN, kein Dumping)

Ich habe mit dem Firmengründer unseres Konfektionärs Rajlakshmi in Kalkutta lange Gespräche geführt, in denen er mir erzählt hat, dass er die Firma aufgebaut hat, um Leute von der Straße zu holen, sie auszubilden und ihnen Arbeit zu geben, dass es sein erklärtes Ziel ist, keine/n einzige/n MitarbeiterIn wieder entlassen zu müssen (egal, wie es ihm als Firma wirtschaftlich geht)! Neben Gehältern gibt es Pensionsfonds, Krankenvorsorge, Urlaubszuschüsse, das Schulgeld für die Kinder wird gezahlt, die FAIRTRADE Prämien werden von den MitarbeiterInnen gerade gesammelt für eine EDV Ausbildung der Kinder, Betriebsbusse holen die MitarbeiterInnen von zu Hause und bringen sie wieder nach Hause, eine Gewerkschaft ist vorhanden, Beschwerdekästen, Feuerlöscher, Erste Hilfe Kästen, Fluchtwegtafeln udgl. hängen in den Hallen, es gibt einen Betriebskindergarten, eine Betriebsküche, geregelte Arbeitszeiten, Trainings für Erste Hilfe oder Brandeinsätze und es werden 2 NGO´s unterstützt, die Augenoperationen für die Ärmsten vorsehen.
Ich habe gesehen, was unsere 4 jährige Zusammenarbeit für Craft Aid auf Mauritius bedeutet: 15% mehr Mitarbeiter (50% davon behinderte Menschen, die sonst keine Arbeit auf Mauritius hätten!), feste, gebaute Häuser für die MitarbeiterInnen statt Blechbaracken mit Wasser, WC und Stromanschluss, neue, professionellere Maschinen zur Fehlervermeidung, Ausbau und Professionalisierung des Firmengeländes, Know How Entwicklung, Stärkung der Marktposition uvm.

All diese Aspekte sind MEILENSTEINE in der globalen Produktion, die durch FAIRTRADE erst ermöglicht werden, denn normalerweise sieht es ganz anders aus:

15 Stunden Arbeit/Tag, 7 Tage/Woche, max. 1 Woche Urlaub/Jahr wenn der Chef nett ist, keine Tische, keine Sessel, keine Fenster, kein Wasser, kein WC, keine Hygiene, versperrte Fabriken ohne Fluchtweg, 22,5 Sekunden für eine Naht, 80 T- Shirts/Stunde, wenn das nicht geschafft wird, dann Überstunden ohne Bezahlung, Krankheit, Elend, Schmutz, Russ, Lärm, Gestank, Gemeinschaftsschlafsäle, Kinderarbeit (12 Mio Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit!), Sklaverei, Ausbeutung, Erschöpfung und Resignation, Alltag im 21. Jh. wie von Dickens über das 19. Jh. geschrieben: dieselbe Armensuppe, dieselben Schlafsäle, dieselben leeren Augen ohne Perspektive und Hoffnung.

Das ist die herkömmliche Produktionswelt, die wir mit unserem Konsumwahn in unserer Wegwerfgesellschaft auf der anderen Seite der Welt zu verantworten haben!

Wir bemühen uns als FAIRTRADE Unternehmen seit Jahren mit aller Kraft, die KonsumentInnen durch Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Vorbildwirkung zum Umdenken zu bringen und diesen globalen Produktionswahnsinn zu verändern. Und wir haben schon so viele Veränderungen in unserem Umfeld als kleines Modelabel bewirkt – dank des Umdenkens unserer KundInnen, weil sie an unsere Arbeit glauben und uns durch ihr Kaufverhalten unterstützen!

Es ist sehr schade, dass der ORF mit unprofessioneller Recherchearbeit in der Öffentlichkeit diese Arbeit schlecht macht und in ein völlig falsches Licht rückt. Dadurch werden sich nun sicher viele KonsumentInnen in ihrer Aussage „Ich kann als einzelne/r eh nichts tun“ bestätigt fühlen bzw. vorhandene KundInnen von dem Weg, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen, vielleicht wieder verabschieden mit dem resignierenden Resumee „Das ist ja alles Lug und Trug!“

Ist das dienlich für eine Bewegung, die gerade erst angefangen hat, in das öffentliche Bewusstsein zu dringen und nachweisbare Veränderungen auf dieser Welt zu bewirken?

Ansprechpartner:

Göttin des Glücks

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