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FAIRTRADE und Land Grabbing
Land Grabbing in der seit 2008 auftretenden Form des massiven Landkaufes und langfristiger Pacht durch Staaten, staatsnahe Institutionen und Unternehmen und Finanzinvestoren hat insbesondere in Afrika eine Dimension erreicht, die über ein lokales Phänomen weit hinausgeht. Es bedroht in großem Stil die Ernährungssicherheit in den betroffenen Staaten und missachtet die Grundrechte von Millionen Menschen, die das Land zuvor für Ackerbau, Fischerei und Viehzucht genutzt hat.
In der Broschüre von IKOTA aus dem März 2010 wird die Grössenordnung bewertet: „Allein zwischen den Jahren 2006 und 2009 wurden Schätzungen zufolge zwischen 22 und 50 Millionen Hektar Ackerland in Afrika, Asien und Lateinamerika an ausländische Investoren verkauft oder auf mehrere Jahrzehnte verpachtet.“1 Das bedeutet, dass im genannten Zeitraum Flächen von fruchtbarem Ackerland verkauft oder vermietet wurden, die zwischen der Grösse Weissrusslands (207,000 km2) und Spaniens (504.000 km2) liegt. Adrian Bebb, bei Friends of the Earth Europe verantwortlich für das Food, Agriculture and Biodiversity Programm, gibt folgende Einschätzung: „Ich bin der Meinung, dass in den nächsten Jahren das Thema Land-Grabbing immer größer wird. Die EU-Verordnung für Erneuerbaren Energie wird unseren Verbrauch für Biomasse und Agrosprit stark erhöhen, obwohl wir in Europa nicht die Flächen haben, um alles zu produzieren. Es gibt auch eine Debatte über die so genannte Bio-Economy, wo viele Produkte in Zukunft aus Biomasse statt aus Erdöl hergestellt werden. Das braucht auch viel Rohstoff und Land. Mit dem Finanz-Kollaps sieht man auch wie schnell Leute ihre Anlagen von Immobilien zu Land gewechselt haben, und dies hat auch die Landpreise erhöht.“2
Die durch die internationalen Institutionen in Aussicht genommenen Regelungen (Transparenz, Schutz der Verfügungsrechte der lokalen Bevölkerung, etc.) sind von der Absicht her zu begrüßen. Wie die Erfahrungen in der globalen Wirtschaft insgesamt zeigen, ist es wenig wahrscheinlich, dass diese Regelungen in der Praxis einen wirksamen Schutz der Betroffenen bewirken. Dazu bräuchte es verbindliche Regeln, die bei Verstößen Sanktionen vorsehen und ein internationales Rechtssystem zur Durchsetzung der Regeln, zu dem alle Stakeholder, gleichermaßen Zugang haben.
Fairer Handel als Chance zum Schutz vor Land Grabbing?
Kleinbauern, Nomaden und Selbstversorger in Subsistenzwirtschaft werden klar von Land Grabbing benachteiligt. Hauptgründe sind, dass sie oft über keine formalen Landtitel verfügen, über geplante Verkäufe nicht informiert und von den Verhandlungen ausgeschlossen sind.
Nomaden und Subsistenzbauern können von der Art ihres Wirtschaftens her nicht Teil des Fairen Handels sein. Dagegen sind Kleinbauern, die am fairen Handel partizipieren, in Kooperativen organisiert. Sie verfügen über eigenes Land. Die Kooperativen sind demokratisch organisiert und ihre Mitglieder sind befähigt, selbstbestimmt zu entscheiden, was sie mit ihrem Land machen und was sie anbauen. Die Kooperativen sind häufig in internationale Informationssysteme eingebunden und finden leichter Zugang zu NGOs, die im Falle von drohenden Landverkäufen beratend oder durch internationales Lobbying Unterstützung anbieten.
Durch die FAIRTRADE-Mindestpreise, die die Produzentenorganisationen für Kaffee, Bananen, Orangen, Kakao oder Reis erhalten, ist ihre bäuerliche Existenz und damit ihre Ernährung und die ihrer Familien gesichert. Langfristige Verträge in Zeiten von niedrigen Weltmarktpreisen, geben Planungssicherheit, und die weitgehende Ausschaltung des Zwischenhandels sorgt dafür, dass der Gewinn aus dem Verkauf der Erzeugnisse nicht geschmälert wird. Mit gezielter Beratung helfen ExpertInnen den Kleinbauern und -bäuerinnen, ihre Anbaumethoden zu verbessern, eigenes Saatgut zu entwickeln und die Produktion zu diversifizieren. So schaffen sie sich über den Verkauf an den regionalen Markt zusätzliche Einkommensquellen und reduzieren ihre Abhängigkeit von nur einem einzigen Erzeugnis. Hinzu kommt der Anbau von Lebensmitteln, etwa Gemüse, zur Selbstversorgung.
So hilft der Faire Handel mit all seinen breit gefächerten Maßnahmen den Kleinbauernfamilien, nicht nur ihre unmittelbare Existenz zu sichern, sondern auch ihren ländlichen Lebensraum nachhaltig, attraktiv und lebenswert zu gestalten. Das wirkt zugleich der Abwanderung in die Städte, der Verödung des ländlichen Raums und dem Verlust weiteren Ackerlandes entgegen.3
1INKOTA, Infoblatt 9 “Land Grabbing”, März 2010, Seite 1
2E-mail von Adrian Bebb vom 24.01.2011
3FAIRTRADE, Position zum Nutzen des Fairen Handels für kleinbäuerliche Betriebe, 2011
Dateien zum Thema:
Südwind Forschungsinstitut: Studie Land Grabbing 2011
