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Build Back Fairer – wirtschaftliche Erholung gerecht gestalten

FAIRTRADE International (FI) fordert gemeinsam mit dem FairTrade Advocacy Office (FTAO) und weiteren NGOs in einem zivilgesellschaftliches Bündnis die Transformation von Wirtschaft und Handel, für einen gerechten und nachhaltigen Aufschwung. FAIRTRADE Österreich schließt sich dieser Forderung an.

Lesen Sie hier das Statement in der deutschen Übersetzung*:

Build Back Fairer: zivilgesellschaftliches Bündnis fordert die Transformation von Wirtschaft und Handel, für einen gerechten und nachhaltigen Aufschwung.

Die Covid-19-Pandemie mit ihren Abstandsregelungen und Lockdown-Maßnahmen fordert einen hohen Tribut von den am stärksten benachteiligten Menschen in unseren Gesellschaften. Dazu zählen im Globalen Süden unter anderem Kleinbauernfamilien und Beschäftigte auf Plantagen und in Fabriken. Katastrophal sind die Auswirkungen auch, was die Menschenrechtssituation angeht, das Recht auf ausreichend Nahrung z.B. wird sich wahrscheinlich für noch mehr Menschen nicht einlösen lassen. Armut und Hunger haben wiederum zu einer höheren Gefahr geführt, dass es zu mehr Zwangs- und ausbeuterischer Kinderarbeit und auch Entwaldung kommt.

Die gegenwärtige Krise hat uns nicht nur vor Augen geführt, wie abhängig wir alle voneinander sind, sondern ebenso, dass die Zerstörung der Natur, Entwaldung und Klima- und Gesundheitskrisen miteinander zusammenhängen, verursacht durch die Ausbeutung von Mensch und Natur. Dennoch haben einige Unternehmen kurzfristige Maßnahmen ergriffen, die ihre eigenen Interessen wahren und gleichzeitig die Einhaltung der Menschenrechte in ihren Lieferketten aufs Spiel setzen, indem sie beispielsweise Aufträge stornieren, aber an ihre Aktionärinnen und Aktionäre hohe Dividenden ausschütten und staatliche Hilfsmaßnahmen in Anspruch nehmen.

Zwar steigt das Bewusstsein für die Notwendigkeit widerstandsfähiger Lieferketten, doch leider wird dieser Begriff allzu oft aus der Perspektive der kaufenden Unternehmen interpretiert, denen es vor allem darum geht, Lieferausfälle und -störungen zu vermeiden. Der Einsatz staatlicher Maßnahmen zur Unterstützung von Kleinbauernfamilien und ArbeitnehmerInnen, so dass diese gegen zukünftigen Krisen besser gewappnet sind, ist unerlässlich, aber nicht genug. In den kommenden Jahren wird der Klimawandel die Verwundbarkeit und Benachteiligung von Millionen Menschen nur noch verschlimmern.

Eine Rückkehr zu „business as usual“ nach der Pandemie würde die Ungleichheiten und den Mangel an Nachhaltigkeit unseres aktuellen Systems verschärfen. Stattdessen benötigen wir einen wirtschaftlichen Wandel und eine Umstrukturierung globaler Lieferketten, nicht nur im Interesse von Kleinbauernfamilien, sowie anderen KleinproduzentInnen und Beschäftigten, sondern auch für gegenwärtige und zukünftige Generationen.

Folgende Veränderungen sind nötig

  • Von einer auf Konkurrenz basierenden Wirtschaftsform hin zu einer Ökonomie, die auf Zusammenarbeit beruht.
  • Von einer Handelspolitik, die Nachhaltigkeitsziele untergräbt hin zu einem Wirtschaften, das Anreize für gerechten und nachhaltigen Handel gibt sowie ausbeuterische Billigproduktion sanktioniert.
  • Von Freihandel und Neoliberalismus hin zu einer öffentlichen Fairhandelspolitik, unter der der Handel zunehmend unter fairen Bedingungen stattfindet, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene.
  • Von einem freien Markt hin zu einer Nachhaltigkeitsagenda in Kombination mit einer wohl durchdachten Mischung aus gesetzlichen und von der Basis ausgehenden Initiativen zur Umgestaltung von Lieferketten, die allen Konsumentinnen und Konsumenten die Gelegenheit gibt, nachhaltige und erschwingliche Kaufentscheidungen zu treffen.
  • Von zunehmender Ungleichheit hin zum Abbau von Ungleichheiten, zwischen dem Süden und dem Norden, Reich und Arm, Frauen und Männern, Organisationen von KleinproduzentInnen und Großkonzernen.
  • Von der übermäßigen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten hin zu einem Wirtschafts- und Agrarmodell, das Rücksicht auf die Umwelt nimmt, Treibhausgasemissionen reduziert und Klimagerechtigkeit vertritt, und zwar innerhalb der Grenzen unserer Welt.
  • Von mit billigen Nahrungsmitteln und Fast Fashion überfluteten Märkten hin zu einem stetig steigenden Marktanteil von Fairhandels- und Bio-Lieferketten, mit Verlagerung auf Kreislaufwirtschaft soweit wie möglich.
  • Von kurzfristigen Lösungen wie aus Angst Grenzen zu schließen hin zu einer gerechten wechselseitigen Beziehung zwischen Ländern unter Fairhandelsbedingungen.
  • Von Corporate Capture (durch Unternehmen „gekaperte“ Gesetzgebung) und einer durch individuelle Interessen beeinflussten Gesetzgebung hin zu einer gemeinsam gestalteten öffentlichen Politik, die den Markt so einrichtet, dass er Mensch und Natur nutzt und diese schützt
  • Vom Machtgefälle in Lieferketten hin zu wirtschaftlicher Demokratie in Lieferketten, ohne unternehmerischen Missbrauch und Menschenrechtsverstöße, in der Kleinbauernfamilien und Beschäftigte über eine starke Stimme verfügen.
  • Von der Behandlung der Themen Nachhaltigkeit und Menschenrechte als bloße Punkte auf einer nicht verbindlichen Checkliste hin zum Wandel von Handels- und Einkaufspraktiken, die Kleinbauernfamilien ein existenzsicherndes Einkommen und Beschäftigten existenzsichernde Löhne ermöglichen.
  • Von profitorientierten Firmen hin zu grundsatzorientierten Unternehmen.
  • Von einer Kultur der Betriebsgeheimnisse hin zu einer Unternehmenskultur der Transparenz und Offenlegung der Werteverteilung.
  • Von einer allgegenwärtigen Konsumgesellschaft hin zu einer nachhaltigen Lebensweise und einem „New Deal“ für die Natur und unseren Planeten.

Unsere Empfehlung an Regierungen

In Anbetracht der obigen Ausführungen bewegen sich unsere Empfehlungen für Regierungen entlang von vier Achsen, von eher kurzfristig und reaktiv zu langfristig und proaktiv:

SCHÜTZEN

  • Stellen Sie sicher, dass sowohl Arbeiterinnen und Arbeitern, als auch Bäuerinnen und Bauern persönliche Schutzausrüstungen zur Verfügung stehen.
  • Wenn es derzeit zu gefährlich ist, manche Arbeiten auszuüben, bieten Sie Programme zur Einkommenssicherung für Bäuerinnen und Bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeitern an.
  • Falls die Arbeit akut nicht sicher ist, sollten Einkommenssicherungssysteme für LandwirtInnen und Arbeitnehmende gewährleistet werden.
  • Frieren Sie Steuererhöhungen ein für Unternehmen, die Mittel zur Grundversorgung herstellen und gewährleisten Sie erschwingliche Preise für Grundversorgung und unerlässliche Betriebsmittel für die Agrarproduktion, solange Abstandsregeln und Lockdown-Maßnahmen gelten

STARTEN SIE NEU

  • Knüpfen Sie die Vergabe öffentlicher Konjunkturpakete für Unternehmen an die Bedingung, dass diese sich an die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die OECD-Leitfäden für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, verantwortungsvolle Beschaffung, Gleichstellung der Geschlechter, Klima und Verpflichtungen zur verantwortungsvollen Steuerzahlung halten, mit Grenzwerten für Dividenden an Aktionäre und einer partizipatorischen Beschlusskultur unter inklusiver Führung.
  • Sorgen Sie für leistbare und geduldige Finanzierungsmöglichkeiten für kleine und mittelständische Unternehmen, mit Vorzugskonditionen für Fairhandels- und Sozialunternehmen, Kooperativen und andere Akteure der Sozial- und Solidarwirtschaft.
  • Bringen Sie staatliche Maßnahmen zugunsten des fairen Handels, von Sozialunternehmen, Kooperativen und anderen Akteuren der Sozial- und Solidarwirtschaft, ökologischen Landwirtschaft und agroökologischen Praktiken, auf den Weg, sodass diese Alternativen nach und nach zur Norm werden. Diese Maßnahmen sollten Unternehmensförderungen an Produzentenorganisationen umfassen, die neue Märkte erschließen, bevorzugten Zugang zu leistbarer und geduldiger Finanzierung sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung, insbesondere junger Menschen bewirken.

UMGESTALTEN

  • Erlassen Sie Vorschriften, die sicherstellen, dass alle Unternehmen und ihre Zulieferbetriebe die Menschenrechte, Arbeitsrechte und Umweltauflagen einhalten, unter anderem durch verbesserte Einkaufs- und Handelspraktiken.
  • Fördern Sie die schrittweise Transformation von Unternehmen von einem profitorientierten zu einem grundsatzorientierten Wirtschaftsmodell, das Mensch und Natur den Vorrang vor Profitinteressen gibt.
  • Setzen Sie ambitionierte nationale und, wo zweckdienlich, regionale Zielvorgaben, um die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen, CO2-Emissionen rasch zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass der weltweite Temperaturanstieg 1,5°C nicht überschreitet, wie im Pariser Klimaabkommen gefordert.

RESSOURCEN GERECHT AUFTEILEN

  • Reformieren Sie Steuersysteme, so dass Anreize geschaffen werden für fairen Handel, Bioprodukte, Sozialunternehmen, Kooperativen und andere Akteure der Sozial- und Solidarwirtschaft, während auf die Ausbeutung von Mensch und Umwelt basierende Lieferketten unattraktiv werden.
  • Machen Sie verantwortungsvolle öffentliche Beschaffung zur Norm und bevorzugen Sie fairen Handel, Biobetriebe und Sozialunternehmen, Kooperativen und andere Akteure der Sozial- und Solidarwirtschaft bei der Vergabe öffentlicher Aufträge.

Lesen Sie hier das Original Statement von FI und FTAO auf Englisch

*Hinweis: Bei diesem Dokument handelt es sich um die Übersetzung des Positionspapiers „Fairtrade's Vision for Human Rights and Environmental Due Diligence“ von Fairtrade International vom September 2020. Die Übersetzung dient allein der Information und hat keine Rechtskraft.

 

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