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“Zero hunger” – also Hunger beenden – beginnt mit einer fairen Bezahlung im Ursprung

Kaffee und Schokolade. Viele von uns würden es ohne eines – oder beider - dieser unserer Lieblingsluxusgüter nicht durch den Tag schaffen. Trotzdem ist es aber immer noch so, dass für Millionen Kleinbauernfamilien, die für die Ernte des dafür benötigten Kakaos oder des Kaffees verantwortlich sind, der Preis eines Espressos oder eines Schokoriegels wie ein grausamer Scherz wirken muss.

Während Menschen weltweit jedes Jahr Schokolade im Wert von mehr als 100MrdU$ konsumieren und täglich mehr als 2Mrd. Kaffeetassen trinken, können sich viele Kleinbauernfamilien kein menschenwürdiges Leben leisten.

Auf den internationalen Rohstoffbörsen sinken die Preise für Kaffee und Kakao schon seit Jahren nach unten. Im Mai dieses Jahres verzeichnete der Weltmarktpreis für Arabica-Kaffeebohnen den tiefsten Stand seit 2004 (86US$-Cent/Pfund), bei Kakao wurde der Tiefststand im Jahr 2016 erreicht, als der weltweite Kurs um mehr als ein Drittel einstürzte und sich seitdem nicht davon erholt hat. Diese negative Preisentwicklung führt dazu, dass die betroffenen Produzenten noch weniger finanzielle Mittel für die Dinge des täglichen Bedarfs zur Verfügung haben – wie Essen, Wohnen, Bildung etc.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Weltmarkt für Kaffee und Kakao leider sehr volatil ist. Viele Faktoren wirken sich positiv oder negativ auf die Preisentwicklung aus: Überproduktion, Klimawandel, Wechselkursschwankungen, bis hin zu Entscheidungen auf politischer Ebene.

Insgesamt zeigt der Trend aber ganz klar in eine Richtung: Händler, Verarbeitungsunternehmen, Hersteller und Einzelhändler schöpfen Profite ab, während bei den Kleinbauernfamilien für die Erzeugung der Rohstoffe nur ein sehr kleiner Teil der Wertschöpfung ankommt.

Aktuelle Studien zeigen, dass große Teile der Kakaobauernfamilien in Westafrika –zwei Drittel der weltweit produzierten Kakaomenge stammen aus dieser Region – immer noch weniger als 1US$ pro Tag verdienen. Zur gleichen Zeit wäre in den Kaffeeanbaugebieten in Zentralamerika ein Mindestpreis von 1,2US$-1,5US$ pro Pfund Rohkaffee notwendig, um kostendeckend arbeiten zu können – der Weltmarktpreis liegt jedoch aktuell bei 1US$ pro Pfund.

Fairtrade ist fest davon überzeugt: Der beste Weg, um extreme Armut zu verhindern ist es, den Produzentenorganisationen im Ursprung einen fairen Preis für ihre Ernte zu bezahlen. Aktuelle Studien vor Ort haben jedoch gezeigt, dass nur 12 Prozent der Mitglieder FAIRTRADE-zertifizierter Kakao-Kooperativen über der Armutsgrenze leben, und 58 Prozent leben nach wie vor in extremer Armut. Diese Studienergebnisse sind auch ein Grund, warum Fairtrade International reagieren musste und den FAIRTRADE-Mindestpreis für Kakao mit Anfang Oktober 2019 um 20 Prozent angehoben hat – als ersten Schritt in Richtung eines menschenwürdigen Einkommens für Alle.

Entlang der gesamten Wertschöpfungsketten von Kaffee und Kakao treten nach wie vor Menschenrechtsverletzungen auf, wie z.B. ausbeuterische Kinderarbeit, Sklavenarbeit, oder auch Menschenhandel. Eine Konzentration auf diese Symptome der Armut, anstatt die Probleme an den Wurzeln (extreme Ungleichverteilung der Wertschöpfung entlang der Lieferketten) anzupacken, lenkt davon ab, vor allem auch multinationale Unternehmen ihrer Verantwortung im Kampf gegen extreme Armut bewusst zu machen. In diesem Zusammenhang wird klar, dass der Weg bis zum Ziel „Zero Hunger“ noch ein weiter und mühsamer ist.

Paradoxerweise bedeuten niedrige Preise im Ursprung auch schlechte Nachrichten für die KonsumentInnen im Norden. Immer mehr Produzenten in Zentralamerika (aber auch in anderen Regionen) wenden sich von der Landwirtschaft ab, und ziehen in die Großstädte, um in anderen Branchen bessere Einkommensmöglichkeiten zu finden. Es wird zunehmend schwieriger, die nachkommende Generation zur Weiterführung der Landwirtschaft zu überzeugen, wenn die Einkommensperspektive derart schlecht ist. Es ist schon heute abzusehen, dass zukünftige Kaffee- und Schokoladeliebhaber sich auf eine Verknappung des Angebotes bzw. auf deutlich gestiegene Preise einstellen müssen.

Multinationale Unternehmen kontrollieren große Teile der globalen Kaffee- und Kakao-Produktion, und sind angesichts dieser negativen Zukunftsperspektive gefordert, langfristige Strategien zur Sicherung des Angebotes zu entwickeln. Dazu gehören auf keinen Fall fragwürdige Nachhaltigkeitsbekundungen – wie zum Beispiel Unternehmenssiegel ohne greifbare Standards – die durch die negative Preispolitik derselben Unternehmen erst recht konterkariert werden.

Dazu kommt, dass viele Unternehmen zwar FAIRTRADE-zertifizierte Rohstoffe einkaufen, der FAIRTRADE-Anteil im Verhältnis zum Gesamtbedarf dabei oft jedoch nur sehr gering ist.

Der FAIRTRADE-Mindestpreis stellt ein Sicherheitsnetz nach unten dar, der Produzentenorganisationen vor stark schwankende Weltmarktpreise schützt. Zusätzlich zum Verkaufspreis erhalten alle Produzentenorganisationen die FAIRTRADE-Prämie. Die entscheiden gemeinsam in einem demokratischen Prozess, in welche sozialen, ökologischen oder ökonomischen Projekte die Prämie investiert wird und welche Ziele erreicht werden sollen. Das bringt zahlreiche Vorteile für die Mitglieder. Klar ist aber auch: FAIRTRADE alleine kann das Ziel „Zero Hunger“ nicht erreichen.

Unternehmen sind daher aufgefordert, nicht nur Lippenbekenntnisse für mehr Nachhaltigkeit abzugeben, sondern damit zu beginnen, Kaffee und Kakao zu einem Preis einzukaufen, der den Produzenten im Süden ein menschenwürdiges Einkommen und Leben ermöglicht.

“Zero hunger” – also Hunger beenden – beginnt mit einer fairen Bezahlung im Ursprung
Darío Soto Abril, CEO, Fairtrade International, übersetzt aus dem englischen Original

This article was contributed by Fairtrade to the #WorldFoodDayCampaign run by@GlobalCauseUK and @Mediaplanet