Pressemitteilung

Statement zur Studie „Edle Tees für Hungerlöhne“ von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS)

In ihrer aktuellen Studie „Edle Tees für Hungerlöhne“ kritisiert die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) Niedriglöhne, schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen auf Teeplantagen im indischen Darjeeling. Mitverantwortlich, so die RLS, sei der Preisdruck durch deutsche Teehändler.

Unter den untersuchten Teeplantagen sind auch welche mit Fairtrade-Zertifizierung. Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Herausforderungen, denen der faire Handel im Teesektor gegenübersteht. Fairtrade agiert generell in Regionen und Produktbereichen, in denen vielschichtige Probleme vorherrschen – das ist der Grund für uns, vor Ort tätig zu sein. Der Teeanbau in Assam und Darjeeling zählt jedoch ohne Zweifel zu den schwierigsten Bereichen für uns, wie wir im Folgenden näher darlegen. Wir unterstützen ausdrücklich die Forderung der RLS nach einem Lieferkettengesetz, um alle Teehändler, ob sie mit Fairtrade kooperieren oder nicht, zur Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfalt in ihren Zulieferketten zu verpflichten.

Staatliche Reglementierung erschwert Einflussnahme von Fairtrade

Der Teesektor in Indien ist staatlich reglementiert, dazu gehört auch die staatlich festgelegte Lohnhöhe. Die Regelungen gehen auf Kolonialzeiten zurück und sind im „Plantations Labour Act“ festgehalten. Die ohnehin niedrigen Mindestlöhne werden oft unterschritten. Anders als bei nicht-zertifizierten Plantagen wird bei Fairtrade deren Zahlung kontrolliert. Dennoch ist klar, dass das nicht genügt: Im „Standard für Lohnabhängig Beschäftigte“ sind seit 2014 Lohnerhöhungen oberhalb der Inflationsrate vorgeschrieben, um sich dem Niveau eines existenzsichernden Einkommens anzunähern. Mittlerweile ist aber klar geworden, dass diese Fairtrade-Regelung in Nordostindien nicht greift. Daher hat Fairtrade im September 2018 eine Überarbeitung des Teestandards begonnen. Derzeit läuft der Konsultationsprozess. Die Überarbeitung soll bis Q1 2020 abgeschlossen sein.

Zu wenig Engagement der Teeindustrie für mehr fairen Tee

Die Fairtrade-Verkäufe der zertifizierten Plantagen sind extrem niedrig. Durchschnittlich verkauften Teeproduzenten weltweit weniger als 5% [!] ihrer Ernte unter Fairtrade-Bedingungen (Monitoring Report S. 85). Höhere Absätze unter fairen Bedingungen sind unabdingbar, damit Fairtrade wirkt, denn neben den Löhnen spielt auch die Fairtrade-Prämie eine wichtige Rolle, um Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter zu erreichen. Durch die geringen Fairtrade-Absätze in Verbindung mit hohen Beschäftigtenzahlen, ist der Einfluss, den Fairtrade erreichen kann, leider sehr gering.

Ohne höhere Verkäufe und ohne bessere politische Rahmenbedingungen wird Fairtrade die Situation nur in sehr kleinen Schritten ändern können, daher arbeiten wir mit Partnern in Großbritannien – dem größten Abnehmerland für Fairtrade-zertifizierten Tee – an einer Advocacy-Strategie, um über den Standard hinaus an einer Verbesserung der Situation vor Ort zu arbeiten.
Dafür benötigen wir aber sowohl das Engagement der lokalen Politik als auch der Teeindustrie, die bislang nicht ausreichend willens scheinen, an der Situation vor Ort etwas zu ändern. Die Forderung der RLS nach einem Lieferkettengesetzt mit strengen Sanktionsmechanismen unterstützen wir daher ausdrücklich.

Fairtrade verfolgt Verstöße gegen die Standards

Wir sind in engem Austausch mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, um die in der Studie erwähnten Verstöße vor Ort zu verfolgen. Dafür wurde das sogenannte „Allegation Procedure“ (Beschwerdemechanismus) von uns angestoßen. Alle Vorwürfe werden an die Zertifzierungsorganisation Flocert weitergereicht, die diese vor Ort überprüfen wird. Ob dies zu einer Dezertifierung führt, wird der Prozess von Flocert ergeben.

Fairtrade-Prämie für Grundbedürfnisse – besondere Regelung für Nordostindien

Viele Plantagen in Darjeeling wurden aus wirtschaftlichen Gründen verlassen und lagen über Jahre brach. Die wirtschaftlich desolate Situation in der Region und der vormals Beschäftigten wurde dadurch zusehends schlechter. Fairtrade hat daraufhin beschlossen, die Rehabilitierung des Teesektors zu unterstützen, um überhaupt zu Perspektiven für Lohnerwerb beitragen zu können. Der Wiederaufbau der brachliegenden Plantagen wäre ohne diese Ausnahmeregelungen nicht möglich gewesen und bot die Chance, einen sinnvollen Unterstützungsbeitrag zu leisten.

Leider verhindert das geringe Engagement des Teesektors und die mangelnde Nachfrage nach fairem Tee positivere Auswirkungen. Zudem fehlt die staatliche Intervention, um für die Rahmenbedingungen für notwendige Verbesserungen zu sorgen. Das lenkt die Entscheidung der Beschäftigten in die Richtung, sich selbst zu helfen und sich über die Prämien zeitnah für ihre bessere Versorgung einzusetzen – eine Möglichkeit, die Beschäftigten auf konventionellen Plantagen verwehrt bleibt. Dennoch sind auch diese Passagen im Fairtrade-Standard Teil der aktuellen Konsultierung des Fairtrade-Teestandards und werden überprüft und gegebenenfalls geändert.

Links zum Thema:
Neue Fairtrade-Strategie für den Tee-Anbau in Assam